Culinary Fiction – Eine Übung in spekulativer Gastronomie

Im Essen und Trinken liegt eine unserer existenziellen Verbindungen zur Materialität der Biosphäre. Die Transformation der organischen und anorganischen Natur in bekömmliche Nahrung – etwa durch Fermentation oder Feuer – gibt es seit frühester evolutionärer Zeit. Kaum anderswo zeigt sich zugleich die Verschränkung unserer Sinnlichkeit mit Techniken und Ritualen einer bestimmten Kultur. Das Wo, Wann und Wie unserer Sozialisation prägt unser Genussempfinden, Geschmacks- und Geruchssinn in elementarer Weise und verankert sich so machtvoll in unserer Erinnerung.

Eine kulinarische Kultur ist nicht bloß eine Summe von typischen Gerichten. Sie folgt einem ‚flavour principle‘, einem Ensemble von Zutaten und Zubereitungsarten, das für Innovationen und Adaptionen offen ist. Sie zieht Grenzen zwischen Erlaubtem und Tabu, Genießbarem und Ungenießbarem. Zubereitungsarten und Tischsitten, Kochgerät und Geschirr bilden ein materielles und choreographisches Ensemble, das alle Sinne mit einbegreift. Die gastronomische Erfahrung ist daher stehts ein synästhetischer Komplex von Geschmack und Geruch, Haptik und Sehsinn, Rausch und Raumerfahrung, kulturellen Erzählungen und zwischenmenschlichen Dynamiken. Sie steht aber gegenwärtig auch im Kontext von industrieller Nahrungsproduktion, den Eingriffen des pharmakopornographischen Kapitalismus in die Matrix körperlicher Lust, technoiden Ernährungsutopien wie ‚Soylent‘ und der Frage nach der Ernährung der Menschheit im Zeitalter globaler Naturzerstörung.

Ziel des Projekts ist es, im Sinne einer neu erfundenen Disziplin ‚spekulativer Gastronomie‘ eine kulinarische Kultur zu erfinden, von der zunächst unklar ist, ob sie verschollen und wiederentdeckt, ob sie aus der Zukunft, science fiction oder eine bloße Kopfgeburt ist. Bisher ist allein sicher, dass sie sich – schon aus Gründen der Nachhaltigkeit – vegan und manchmal von Insekten ernährt. Hierzu führt uns ein gemeinschaftlicher experimenteller Prozess, der alle Sinne einbegreift und gleichermaßen das Essen (in Form konkreter Gerichte) wie die Praktiken und Artefakte des Verzehrs (Geschirr und Besteck, Möbel, Tischsitten, Rituale etc.) dieser Kultur gestalten soll.

 

Projektleiter:

Maciej Chmara (IPP)
Martin Beck (IPP)

 

Veranstaltungsort:

Fakultät Gestaltung
Straße des 17. Juni 118,
Raum 202 und 207

 

Teilnehmer*innenzahl:

20

 

Sprachen:

deutsch

 

Martin Beck, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kulturwissenschaften und Designtheorie des Instituts für Produkt- und Prozessgestaltung. Philosoph und Designtheoretiker, Autor und Kurator im Bereich bildender Kunst (zuletzt: fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen, Kunstverein Heidelberg, 2016/17). Ehem. Stipendiat des Graduiertenkollegs „Sichtbarkeit und Sichtbarmachung“, Potsdam und der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart. Promotion zu impliziten Bildtheorien bei Kant und Hegel (noch zu verteidigen), Habilitationsprojekt im Feld von Digitalitäts-, Verkörperungs- und Designtheorie. Zum Thema unseres Projekts kulinarischer Fiktion/spekulativer Gastronomie komme ich durch jahrelange Privatstudien in Gastrosophie und ein Buchprojekt zur Philosophie des Weins.
Maciej Chmara arbeitet ebenfalls am Institut für Produkt- und Prozessgestaltung; die Kurzbio wird nachgereicht.

 

Slides aus der Projektbörse

 

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